Segensreiches Vermächtnis

Heiligabend 2005 aus der Rheinischen Post

Karl-Heinz Danzer vermachte vernachlässigten Mädchen und Jungen in Brasilien 40.000 Euro. Der kleine Förderverein mit Sitz in Hilden sammelt jedes Jahr rund 120.000 Euro für das private Kinderheim „Girassol" in Sao Paulo.

Direkt hinter dem Kinderheim „Sonnenblume" beginnen die Favelas, die Elendsviertel der 17-Millionen-Metropole Sao Paulo. Das private Heim wurde 1992 gegründet und lebt ausschließlich von privaten Spenden. Foto: Michael KrambrockDirekt hinter dem Kinderheim „Sonnenblume" beginnen die Favelas, die Elendsviertel der 17-Millionen-Metropole Sao Paulo. Das private Heim wurde 1992 gegründet und lebt ausschließlich von privaten Spenden. Foto: Michael Krambrock

Weihnachten vor einem Jahr starb Karl-Heinz Danzer. Er wurde nur 67 Jahre alt. Der pensionierte Finanzchef einer Versicherung war schwer krank. Über einen Artikel in der Rheinischen Post war der Hildener auf den Förderverein „Girassol" aufmerksam geworden. „Er half nicht nur mit Spenden, sondern auch ganz praktisch, kuvertierte Briefe an Spender und brachte sie zur Post", erinnert sich Vorsitzender und Gründer Michael Krambrock: „Als ich im April aus São Paulo zurück kam, lag da ein Brief vom Nachlassverwalter. Der Verein habe geerbt."

Ausbildungszentrum eingerichtet

Vor wenigen Wochen erfuhr Krambrock: Karl-Heinz Danzer hat den Kinder von „Girassol" 40.000 Euro vererbt. „Ich habe den Brief mehrmals gelesen, bis ich es glauben konnte", erinnert sich Krambrock: „Das ist das erste Mal, dass wir eine Erbschaft in dieser Höhe bekommen haben." Die 50 Kinder von „Girassol" freuen sich über eine neue Küche mit modernen Geräten. „Wir haben Karl-Heinz Danzer als Freund von „Girassol" zwar verloren, aber wir werden die Erinnerung an ihn bewahren", verspricht der langjährige Abteilungsleiter der städtischen Jugendförderung, der jetzt in Altersteilzeit im Stadtarchiv arbeitet. Im Kinderheim in Sao Paulo erinnert heute eine Tafel an den großherzigen Spender aus Hilden. Direkt hinter dem Kinderheim „Sonnenblume" beginnen die „Favelas", die Elendsviertel der 17-Millionen-Metropole.

Karl-Heinz Danzer vermachte armen Kindern 40000 Euro. Foto: PrivatKarl-Heinz Danzer vermachte armen Kindern 40.000,00 Euro. Foto: Privat1992 gründete die deutsch-brasilianische Unternehmerin Angelika Pohlmann zusammen mit Gabi Schmid das Kinderheim: eine private Initiative gegen das Elend und die Not in einer der größten Städte der Welt. Sie bereitet Angelika Pohlmann oft schlaflose Nächte: Wird das Geld reichen? Kommen wieder genügend Spenden zusammen? Es hat immer gereicht, und das schon seit 13 Jahren. Rund 50 vernachlässigte oder ausgesetzte Kinder und Jugendliche haben in der „Sonnenblume" eine neue Heimat gefunden. Dort erhalten sie ein Zuhause, viel Zuwendung und eine Ausbildung. Rund 30 Sozialarbeiter, Erzieher, Köchinnen arbeiten in dem Heim. Vor zwei Jahren wurde ein angegliedertes Ausbildungszentrum eröffnet, das auch Kindern und Erwachsenen aus sozial schwachen Familien aus der Nachbarschaft offen steht. Dort werden sie zu Handwerkern wie Elektrikern, Bäckern, Schustern, Friseuren oder Fliesenlegern ausgebildet.

Der Förderverein hat nur rund 30 Mitglieder. Die gesamte Arbeit wird ehrenamtlich geleistet. Die Spenden kommen „Girassol" komplett zugute. In Brasilien kostet ein Heimplatz für ein Kind rund 200 Euro im Monat, in Deutschland etwa 2.000 Euro, hat Krambrock ermittelt: „In Deutschland würde eine Einrichtung wie „Girassol" 1,2 Millionen Euro im Jahr kosten. Dagegen nehmen sich unsere 120.000 Euro Spendengelder bescheiden aus. Man könnte auch sagen: In Brasilien ist jeder gespendete Euro zehn Mal so viel wert wie in Deutschland."

von Christoph Schmidt, RP Lokalredaktion Hilden

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„Ich kann dort nicht leben, ohne zu helfen“

Weihnachtsbericht für die Schweriner Volkszeitung: Eine Deutsche hilft in Brasilien

Das Kinderheim am Armengürtel Brasiliens geht auf die Idee und die Arbeit einer Deutschen zurück: Angelika Pohlmann, die mit ihrem Mann in Sao Paulo lebt, hat der Armut und dem Elend die Stirn bieten wollen. Begonnen hat alles mit der Versetzung ihres Mannes. Mit Frau Pohlmann sprach der Chefredakteur der Schweriner Volkszeitung, Thomas Schunck.

Angelika PohlmannAngelika PohlmannFrau Pohlmann, Sie sind Deutsche, Ihnen geht es wirtschaftlich gut - wie kommt jemand mit diesen Eckdaten dazu, sich derart engagiert für Kinder in Sao Paulo einzusetzen, und was war die Grundidee?

Pohlmann: In Sao Paulo, ja, in ganz Brasilien, kann man an Not und Elend nicht vorbeigehen. Wo immer Sie sich bewegen, sehen Sie, dass eine helfende Hand benötigt wird. Ich lebe in Brasilien. Und ich habe vor dem geschilderten Hintergrund gedacht: Ich kann hier nicht leben, wenn ich nicht etwas tue, wenn ich nicht helfe und mich sozial engagiere.

Und warum gerade Hilfe für Kinder?
Pohlmann: Jede Investition in Bildung junger Leute ist eine Investition in die Zukunft. Und hier fehlt es an allen Ecken daran.

Und was hat Sie selbst in diese Ecke der Welt gebracht?
Pohlmann: Das war die Versetzung meines Mannes. Für den Partner ist es in Brasilien schwierig, eine Arbeitsgenehmigung zu bekommen. Sozial engagieren können Sie sich aber in diesem Land - und dazu habe ich mich dann sehr schnell entschlossen.

Wann hat das alles angefangen, über welches Jahr sprechen wir?
Pohlmann: 1977 sind wir nach Sao Paulo gekommen.

Und Sie haben sofort losgelegt, wenn ich das so sagen darf?
Pohlmann: Ja. Zunächst habe ich in Altenheimen gearbeitet, dann für und mit den Straßenkindern.

Wie und wann kam es dann zur Gründung des Kinderheimes Girassol?
Pohlmann: Das hat sich 1992 aus einer Zwangslage heraus ergeben. Die Kinder, die ich schon als Straßenkinder betreut hatte, mussten damals ihre provisorische Unterkunft, ihre Schlafstelle aufgeben. Ich brauchte einen Platz für diese Kinder, wo sie einigermaßen sicher und geborgen leben konnten. Wir haben - unterstützt durch Spender aus Deutschland - ein Grundstück kaufen können. Von diesen Anfängen hat es sich weiter entwickelt: Wir haben immer wieder die Werbetrommel gerührt - und Gott sei Dank gab es Menschen, die uns geholfen haben. Wir haben investiert, gebaut, die Lebensbedingungen verbessert und später auch misshandelte Kinder aufnehmen können.

Mit wie vielen Kindern haben Sie angefangen?
Pohlmann: Am Anfang waren es sieben Kinder, heute betreuen wir hier - direkt am Armengürtel - über 50 Kinder.

Es ist sicher nicht die Triebfeder für Ihr Tun, dennoch die Frage: Freuen Sie sich manchmal über dankbare Kinderaugen?
Pohlmann: Sie haben Recht, dafür tut man es nicht. Aber ich freue mich immer, zu sehen, wie vom Schicksal gebeutelte Kinder wieder wohlgenährte, glückliche, kleine Menschen werden.

Thomas Schunck, Schweriner Volkszeitung

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Geburtstag und Weihnachten auf einmal

4. Adventsbericht für die Schweriner Volkszeitung: Helfer mit großem Herzen

Kennen Sie das Gefühl: Geburtstag und Weihnachten auf einmal? Man kann es erst einmal gar nicht fassen.

Es geht wieder um das Kinderheim Girassol in São Paulo. Ich habe schon darüber berichtet, dass dort über 50 Kinder leben. Sie haben riesiges Glück gehabt, nicht mehr vernachlässigt zu sein, nicht auf der Straße leben zu müssen

Der neue SpeisesaalDer neue SpeisesaalFast alle haben sie in ihren jungen Jahren ein schweres Schicksal erleiden müssen in einer Gesellschaft, in der Kinder kaum Schonraum haben. Nun haben sie für ihre Zukunft eine Perspektive. Girassol bietet ihnen mehr, als nur ein Dach über dem Kopf. Hier erhalten sie neben viel Aufmerksamkeit und Förderung, Liebe und Geborgenheit und durch die hauseigenen Ausbildungsmöglichkeiten eine echte Chance für ihre Zukunft in Brasilien.

Neben Angelika Pohlmann kämpfen zahlreiche ehrenamtliche Helfer in São Paulo und auch in Deutschland täglich dafür, dass es mit Girassol weitergeht. Die komplette Einrichtung finanziert sich ausschließlich über Spenden, keinerlei staatliche Hilfe fließt in das Projekt. Über 50 Kinder wollen rundum versorgt werden. Dazu ein paar Zahlen im Vergleich. Die monatlichen Kosten in Brasilien betragen für ein Kind ca. 200 Euro, in Deutschland kostet ein vergleichbarer Heimplatz ab 2.000 Euro aufwärts. Rechnet man diese Beträge auf das Jahr und die Anzahl der Kinder, dann käme man in Deutschland für eine vergleichbare Einrichtung auf 1,2 Mill. Euro Jahresbudget. Dagegen nehmen sich die 120.000 Euro für Girassol regelrecht bescheiden aus; wenn das nicht alles gesammelte Spendengelder wären. In diesen Summen sind größere Baumaßnahmen nicht einbegriffen!

Die neue KücheDie neue KücheIn diesem Jahr war in Girassol eine neue Küche fällig. Zum einen hatte die alte Küche schon länger ihre Dienste getan, zu anderen war die Anzahl der Kinder stetig gewachsen und so mussten größere Geräte her.

Eine neue Küche für Girassol unter den hohen hygienischen Standards, das ist kein Pappenstiel. So etwas kann man nicht aus dem „Laufenden" finanzieren. Man könnte vielleicht jedes Jahr etwas zurückstellen und für eine neue Küche ansparen. Aber wie, wenn die Spendengelder gerade für das Alltägliche reichen. Und nun kommt's, Geburtstag und Weihnachten ...

Der Spender: Karl-Heinz Danzer † 22.12.2004Der Spender: Karl-Heinz Danzer † 22.12.2004Karl-Heinz Danzer aus Hilden im Rheinland hatte Girassol schon lange unterstützt. Nicht nur mit Spenden, sondern auch ganz praktisch, Briefe an Spender kuvertieren, zur Post bringen usw. Wir wussten, dass er schwer krank war, aber er half gerne. Es war ihm wichtig, den Kindern von Girassol eine Freude zu machen und die dankten es ihm. Weihnachten 2004 ist er verstorben, aber nicht, ohne an die Kinder von Girassol zu denken.

Als ich im April 2005 aus São Paulo zurückkam, lag da ein Brief vom Nachlassverwalter: Karl-Heinz Danzer hatte den Kindern von Girassol 40.000 Euro vererbt. Ich habe den Brief mehrmals gelesen, bis ich es glauben konnte.

Nun hat Girassol eine neue Küche mit modernen Geräten und das Essen schmeckt wirklich gut. Wir haben Karl-Heinz Danzer als Freund von Girassol zwar verloren, aber wir werden die Erinnerung an bewahren. Gemeinsam mit den Freunden in São Paulo habe ich am kleinen Pavillon eine Tafel mit seinen Lebensdaten angebracht.

„Aber für das tägliche Leben, für die Versorgung der Kinder, für den Nachhilfeunterricht, die psychologische Betreuung ... Du weißt schon, sind wir weiterhin auf jede Spende angewiesen. Sag das den Leuten in Deutschland," ermahnt mich Angelika Pohlmann als wir die neue Küche besichtigen.

ScheckübergabeScheckübergabe          Anbringen der ErinnerungstafelAnbringen der Erinnerungstafel

Schweriner Volkszeitung

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Zwei Bilder sprechen für sich

3. Adventsbericht für Schleswig Holsteinische Zeitungsgruppe und Schweriner Volkszeitung: Zwei Bilder sprechen für sich

Nicht ohne Grund sind Bilder vor Gericht als Beweis zugelassen. Und „ein Bild sagt mehr als tausend Worte", heißt es im Volksmund. Dieses Mal sind es sogar zwei Bilder.

Jaqueline, März 2002Jaqueline, März 2002      Jaqueline, November 2005Jaqueline, November 2005

Es sind zwei Bilder von Jaqueline und Jaqueline lebt im Kinderheim Girassol.
Als wir Jaqueline das erste Mal sahen, das war im März 2002, lebte sie erst wenige Wochen in Girassol. Wie in einem offenen Buch konnten wir in ihrem Gesicht lesen, was sie bis dahin durchgemacht hatte. Sie war nicht nur vernachlässigt, sondern auch misshandelt worden, bis das Jugendgericht eingriff und die Einweisung in ein Kinderheim verfügte. Andere Kinder kamen auf uns zu, fragten uns, wer wir denn sind, wollten mit uns spielen. Anders Jaqueline. Sie stand abseits, wollte sich verstecken, sprach kein Wort. Ihr Bild von damals ging uns nicht mehr aus dem Kopf. Ihre großen dunklen Augen schienen zu fragen: „ Warum hat man mir das angetan? Warum hat mir keiner geholfen?"

Von Angelika Pohlmann, Gründerin von Girassol erfuhren wir Einzelheiten: eines von fünf Kindern, davon ein Vater bekannt, aber nicht ihr Vater, sondern der eines Bruders. Schwere körperliche und seelische Misshandlungen. Jaqueline muss erst Vertrauen finden, muss erfahren, dass sie hier in Sicherheit ist und sie hier Liebe und Geborgenheit finden kann.

Schon länger war den Verantwortlichen klar, dass für fast alle Kinder, die hier zugewiesen wurden dringend psychologische Betreuung, wenn nicht sogar Therapie notwendig war. Mitte 2002 konnte durch eine größere Spende endlich ein psychologischer Dienst in Girassol eingerichtet werden. Für einige Stunden in der Woche kommen drei Fachkräfte jeweils für einige Stunden in das Kinderheim. Leider reicht die Zeit (oder das Geld) nicht für alle Kinder, die es nötig hätten. In einer kleinen Gruppe entscheiden die pädagogischen Kräfte von Girassol und die Psychologinnen, wer Vorrang hat und zuerst behandelt wird. Bei Jaqueline war die Sache klar. Sie war eine der ersten, die von der Therapie Hilfe erhoffen durfte.

Jetzt im November 2005 sah ich sie wieder. Mitten in einer Gruppe von anderen Kindern, die laut und lachend über das Gelände tobten, Richtung Spielplatz. Als in näher kam, erkannte ich sie wieder. Aber das war nicht mehr das ängstliche, verschüchterte Mädchen von damals. Ich fragte sie, ob ich sie fotografieren dürfte. Sie lachte und stellte sich in Positur. Nein, nein, ganz natürlich solle sie dastehen. Und dann machten wir eine ganze Foto-Session zusammen. „Aber nur unter der Bedingung, dass ich davon auch Bilder bekommen," sagte Jaqueline selbstbewusst. Gerne!

Ab Abend habe ich mir beide Bilder gleichzeitig aufs Laptop geholt. Aber sehen Sie selbst. Was wäre heute mit Jaqueline, wenn sie nicht das Glück gehabt hätte und nach Girassol gekommen wäre?

Fotos/Bericht: Michael Krambrock für: Schleswig-Holsteinische Zeitungsgruppe und Scweriner Volkszeitung

 

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Den Weg ins Leben finden

2. Adventsbericht für Schleswig Holsteinische Zeitungsgruppe und Schweriner Volkszeitung

Das ist die Geschichte von Taïs. Wenn man sie heute sieht, fast 16, ihr freundliches Lächeln, ihre verbindliche Art, kann man sich kaum vorstellen, wie es war, als sie in Girassol ankam.

Taïs malt im hauseigenen Schul- und BastelraumTaïs malt im hauseigenen Schul- und BastelraumDas ist jetzt schon sechs Jahre her. Sie hatte bis dahin noch keine Schule von innen gesehen, konnte weder lesen noch schreiben, sprach schlecht und hatte Probleme, sich zu konzentrieren. Sie war gequält von einer inneren Unruhe.

Gut, sie war auch in einer Favela groß geworden mit ihrer Mutter und ihrem Bruder. Nahezu alle Kinder in Girassol kommen aus den Favelas. Aber das Schicksal hatte ihr zumindest „erspart", ihre Kindheit - wie leider üblich - mit Gewalt und Misshandlungen verbinden zu müssen. Ihren Vater kennt Taïs nicht, auch nicht den Vater ihres älteren Bruders. Man weiß nur, dass beide Alkoholiker waren, so wie ihre Mutter auch.

Um die Geschichten der Kinder aus den Favelas zu verstehen, muss man sich vom deutschen Bild der Familie trennen. Die „klassische Familie" in den Favelas besteht in der Regel aus allein erziehenden Müttern und ihren minderjährigen Kindern. Männer tauchen oft nur vorübergehend auf, leben eine zeitlang in der „Familie" mit und machen sich meist wieder davon, bevor sie ernsthaft Verantwortung für ihre Kinder und die gesamte „Familie" übernehmen müssten. Bei Taïs war das nicht anders.

Bild aus dem MalunterrichtBild aus dem MalunterrichtWas dann kam, war die Überforderung ihrer Mutter. Sie gab sich immer mehr dem Alkohol und vergaß darüber ihre Kinder. Taïs und ihr Bruder lebten überwiegend auf der Straße, erbettelten sich das, was sie zum Überleben brauchten. Hin und wieder erhielten sie Klei-dung bei Hilfsaktionen einer Kirchengemeinde in der Nähe. Es ist erstaunlich, wie viel Überlebenswillen solche Kinder entwickeln. Fast gänzlich auf sich allein gestellt, kämpfen sie täglich wie Erwachsene um ihre Existenz und verlieren dabei ihre Kindheit.

Die Wende im Leben von Taïs beginnt damit, dass es auch in den Favelas anständige und verantwortungsvolle Menschen gibt. Ihre direkten Nachbarn sahen, wie sehr der Alkohol die Mutter zerstörte und wie wenig sie sich um ihre Kinder kümmern konnte. Sie sprachen mit einer Sozialassistentin, die regelmäßig Kinder in dieser Favela betreut und den Frauen hilft. Schnell war klar, dass die Mutter aufgrund ihrer Sucht mit der Erziehung vollkommen überfordert war und die Kinder extrem vernachlässigte. In solchen Fällen wird in Brasilien das Familiengericht eingeschaltet. Die Richterin entschied, dass die Kinder in ein Kinderheim einzuweisen seien. Leider entschied sie auch, dass der ältere Bruder in eine staatliche Einrichtung kam. Taïs hatte großes Glück und kam nach Girassol.

Blick vom Girassol-Spielplatz auf die Favela GrajaúBlick vom Girassol-Spielplatz auf die Favela GrajaúDie Kinder von Girassol besuchen die staatlichen Schulen. Taïs konnte dem Unterricht am Anfang überhaupt nicht folgen, ihr fehlten die einfachsten Grundlagen. Aber ihrer Schulleiterin und dem pädagogischen Personal von Girassol fiel auf, dass dieses Mädchen eine Menge Talente hatte. Sie begriff schnell, sie war geschickt und konnte vor allem gut zeichnen und malen. Girassol beschäftigt einen eigenen Nachhilfelehrer, Elias, der sich in solchen Fällen um die Kinder kümmert. Elias wird aus den deutschen Spendeneinnahmen bezahlt. Er und die Schulleiterin förderten Taïs völlig unbürokratisch: jeweils zum Halbjahr wurde Taïs versetzt und ist heute in der achten Klasse, zusammen mit den Gleichaltrigen. In Girassol wurde ihr künstlerisches Talent weiter gefördert, sie verbesserte weiterhin ihr Zeichnen und Malen. Im neuen Ausbildungszentrum nahm sie schon bald am Nähunterricht teil. Auch hier zeigte sie überdurchschnittliches Geschick und künstlerischen Ideenreichtum.

Roswitha (als Ehrenamtliche) und Elias (als Lehrer) fördern die KinderRoswitha (als Ehrenamtliche) und Elias (als Lehrer) fördern die KinderDie Gründerin und Hauptverantwortliche von Girassol, Angelika Pohlmann, nutzt ihre gesellschaftliche Stellung in São Paulo dazu, Benefizveranstaltungen durchzuführen und - vor allem in der deutschen Gemeinschaft - Girassol dadurch bekannter zu machen. Auf einer solchen Veranstaltung wurden im Rahmen einer kleinen Kunstausstellung Ergebnisse der Nähgruppe präsentiert. Auch Arbeiten von Taïs waren dabei. Eine befreundete Modeschöpferin sah diese kleinen Kunstwerke, erkundigte sich nach der „Künstlerin", ließ sich andere Arbeiten zeigen, sprach länger mit Taïs. Das Ergebnis: nach Beendigung ihre Schulzeit kann Taïs Mitte nächsten Jahres im Modeatelier eine Ausbildung beginnen. Weil das Kinderheim Girassol in Grajaú am Rande der Metropole São Paulo liegt und die Fahrtzeit sehr lang wäre, wird sie dann in einer Familie wohnen, die sie schon lange als ehrenamtliche Helfer aus Girassol kennt.

Bild aus dem MalunterrichtBild aus dem MalunterrichtÜber all dem Glück hat Taïs ihre eigene Familie aber nicht vergessen. Regelmäßig besucht sie ihre Mutter in der Favela. Ihr Bruder wurde in der staatlichen Einrichtung nicht so gefördert wie Taïs. Mit 18 Jahren wurde er ohne Ausbildung und ohne Perspektive aus dem Kinderheim entlassen. Er ging zurück zu seiner Mutter, fand zum Glück den einen oder anderen Aushilfsjob, arbeitet heute bei einer Putzfirma. Die Mutter unterstützen beide so gut es geht.

Taïs ist auf einem guten Weg. Dank der Hilfe von Girassol konnte sie ihre Talente entwickeln und erhielt eine Basis, um in ein paar Jahren ihr Leben eigenständig meistern zu können. Und sie hat auch gelernt, soziale Verantwortung zu übernehmen, so, wie sie sich heute um ihre Mutter sorgt.

Das Ziel von Girassol ist, jungen Menschen das Rüstzeug mitzugeben, damit sie ihren Weg in ein eigenständiges Leben finden und später selbst einmal anderen helfen können. Um dieses Ziel zu erreichen arbeiten viele Menschen in Brasilien und auch in Deutschland ehrenamtlich für dieses Projekt und Sie können mit Ihren Spenden dazu beitragen, dass die Arbeit erfolgreich weiter gehen kann.

Fotos/Text: Michael Krambrock für Schleswig-Holsteinische Zeitungsgruppe und Schweriner Volkszeitung

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