Eine Oase im Elend

1. Adventsbericht für Schleswig Holsteinische Zeitungsgruppe und Schweriner Volkszeitung

Start der diesjährigen Advents-Kampagne in den Zeitungen der shz-Gruppe. Aus São Paulo berichtet Michael Krambrock.

Blick auf São Paulo - Stadtteil MorumbiBlick auf São Paulo - Stadtteil Morumbi

São Paulo

Während mich der geräumige Geländewagen durch den hektischen Verkehr aus den inneren Bezirken an den südlichen Rand der Stadt kutschiert, nehme ich wie mit einer Kamera Bilder in mir auf.

In einer halben Stunde lasse ich die Welt, die unserer noch sehr ähnelt, hinter mir. Nur vierzehn Kilometer braucht man in dieser Stadt auf dem Weg von Morumbi nach Grajaú, um von der ersten in die vierte Welt zu kommen. Wir haben die Avenida Robert Kennedy erreicht. Rechts liegt ein riesiger Stausee, die Represa Guarapiranga. „Als wir vor dreißig Jahren hier ankamen, war die Stadt hier fast zu Ende, sagt meine Begleiterin. „Ab Interlagos gab es nur noch Erdstraßen, Schlagloch an Schlagloch." – Gut, die Straßen sind heute sechsspurig und geteert, aber Schlaglöcher mit immensen Durchmessern gehören immer noch dazu, denke ich und werde wieder durchgeschüttelt. Meine Wirbelsäule hat noch Mühe, sich an die Straßen São Paulos zu gewöhnen. Und ohne 180º-Blick hat man Probleme im Verkehr: rechts und links ziehen schnellere Autos vorbei, wechseln die Spuren. Recht hat, wer schneller ist.

2005 11 26 OaseimElend03Holzhäuser sind nicht so beliebt, sie können abgerissen werden.Was ist das eigentlich für eine Stadt? Keiner weiß so recht, wie viele hier wirklich wohnen. Im Augenblick hat man sich auf 18 Millionen „geeinigt". Täglich kommen zusätzlich Menschen aus dem brasilianischen Norden, aus dem Nordwesten, aus dem Interior, legen auf dem Landweg bis zu dreitausend Kilometer zurück.

Sie werden angelockt von einer Illusion: in dieser Stadt könnten sie eine sichere Zukunft finden, Arbeit und Wohlstand. Zuerst aber einmal ein Dach über dem Kopf. Meist landen sie dann in einer der unzähligen Favelas. Wie Metastasen überziehen diese São Paulos Stadtgebiet. Ungeordnet, unsystematisch auf wenig attraktiven Freiflächen entstanden.

3 Familien leben hier auf engstem Raum3 Familien leben hier auf engstem Raum       Ein Junge aus der Favela in seiner schicken SchuluniformEin Junge aus der Favela in seiner schicken Schuluniform

Was ist eine Favela?

"Spielplatz" in der Favela"Spielplatz" in der Favela

Abenteuerliche Behausungen zuerst aus Pappe und Holzabfällen, dann aus Stein, Wellblechdächern, manche zwei- oder - am Hang - dreigeschossig und windschief. Beim näheren Hinsehen wundert man sich, dass sie nicht nach dem ersten Regen in sich zusammenfallen. Baustatiker würden beim Anblick schwindelig werden. In der Favela ist kein Platz für Romantik. Die freien Plätze sind längst verteilt. Neuankömmlinge müssen nicht wenig Miete für die Behausung bezahlen. Manche haben heute Wasser- und Stromversorgung. Auch das muss bezahlt werden. Wovon, wenn man keinen Job hat?

Blick vom Girassol in die FavelaBlick vom Girassol in die FavelaSpätestens dann zerplatzen die Illusionen der Ankömmlinge wie eine Seifenblase. Eine Rückkehr kommt schon aus finanziellen Gründen nicht in Frage. Die Realität heißt: sich irgendwie durchschlagen, Gelegenheitsjobs suchen, oft am Rande der Kriminalität, oft über den Rand hinaus. Und alles scheint leichter erträglich mit Alkohol und Drogen. So beginnt immer wieder der Teufelskreis der Armut.

Leidtragende in diesem Kreislauf sind fast immer die Kinder. Erwachsene betteln nicht. Kaum jemand würde ihnen etwas geben. Also werden die Kinder vorgeschickt.

Als wir an der nächsten Ampel halten, kommen drei 6-8-jährige auf unser Auto zu. Sie halten ihre kleinen Hände offen vor sich her. „Nicht das Fenster aufmachen", rät meine Begleiterin. „Wenn erst das Fenster offen ist, kann von hinten schnell jemand mit der Knarre kommen. Dann haben wir ein Problem!" Die Kinder gehen zum nächsten Auto und zum nächsten, so lange, bis grün wird. Dann heißt es: schnell die Fahrbahn freimachen. Der fließende Verkehr nimmt keine Rücksicht.

2005 11 26 OaseimElend07Mitten im GrünenVor kurzem sind wir links abgebogen, Richtung Grajaú. Es gibt keine sechs Spuren mehr, aber wie viele genau, kann ich auch nicht feststellen, je nach Nervenstärke zwei bis fünf. Die Schlaglöcher werden größer, die Häuser – trotz bunter Werbetafeln und offener Verkaufsräumen – grauer. Alles schiebt sich irgendwie vorwärts, auf der Straße, auf dem Gehweg. Überall liegt Plastikabfall. „Bloß hier keine Panne!" Ich schließe mich der Meinung an. Große Linienbusse in nicht endender Reihe schieben sich rechts an uns vorbei. Am Kühler erkenne ich das Volkswagen-Logo. Busse von Volkswagen? Ich wundere mich über gar nichts mehr.

Die Einkaufstraße liegt hinter uns. Wir biegen wieder mal ab. Rechte Hand zwei bunt gestrichene Miethäuser, irgendwie muten sie deplatziert an zwischen dem Wirrwarr an Behausungen. „Die stammen aus irgendeinem Regierungsprogramm. An sich sollten hier mehr dieser Häuser gebaut werden, aber dann war anscheinend kein Geld mehr da." – Brasilianische Realität. Noch einmal abbiegen, dann sind wir da. Ein Superschlagloch empfängt uns. Ein Brett seht mittendrin und signalisiert: Achtung, hier nicht reinfahren! Das halbe Auto würde locker reinpassen, schätze ich. „Das gibt es erst seit letzter Woche. Mal sehen, wie lange es dauert, bis das repariert ist. Gute Idee mit dem Brett."

Die Rua Ricardo Macedo ist eine kleine Straße. Selbstgebaute kleine Häuser und rechter Hand eine lange, weiße Mauer. Dahinter: Girassol. Neue Heimat für über fünfzig Kinder.

2005 11 26 OaseimElend08Mitten umringt zwischen den KindernWir klingeln an der großen Holztür. Kurz darauf öffnet uns Angelika Pohlmann. Die Begrüßung ist brasilianisch herzlich. Mein Blick geht über das großzügige Gelände. Sofort fallen mir die bunten Häuser und das viele Grün auf. Eine Oase inmitten der Grautöne, die uns noch vor kurzem umgaben. Ich atme erst einmal tief durch.

Dona Angelika – wie sie hier von allen genannt wird - führt uns durch das Gelände. Kinderstimmen schallen durch die fast parkähnliche Anlage. Vorbei an bemalten Häusern landen wir kurz darauf in einem winzigen Büro. Hier treffen wir Roswitha und Carmen. Roswitha ist eine Deutsche, die schon seit Ewigkeiten in Brasilien lebt und hier ehrenamtlich arbeitet, Carmen ist Brasilianerin. Als Angestellte koordiniert sie vor Ort die Arbeit im Kinderheim. Jemand aus der Küche bringt Cafezinho, den „kleinen Kaffee", zur Begrüßung. Angelika erzählt davon, wie alles begann.

2005 11 26 OaseimElend09v.l. Roswitha Schirmer, Angelika Pohlmann, Ingrid LisboaSeit 1992 gibt es Girassol (dt. Sonnenblume). Eher zufällig hatte sie einen brasilianischen Sozialarbeiter kennen gelernt, der sich um zehn Straßenkinder kümmerte. Sie hatte die immense Not gesehen, die sie aus ihrer Heimat Deutschland so nicht kannte und wollte helfen. Irgendwie. Als sie vom Betreuer hörte, dass die Kinder das Dach über dem Kopf verlieren würden, trieb sie Geld zusammen und fand - mit Hilfe ihres Mannes und deutscher Freunde - ein Grundstück, draußen in Grajaú. Ein verfallenes Haus stand schon darauf, wurde renoviert und schon zwei Monate später konnten die Kinder dort einziehen. Die Sache hatte nur einen Haken: der Sozialarbeiter war plötzlich verschwunden. Heute sagt Angelika Pohlmann, sie hätte rückblickend gar keine Wahl gehabt. Irgendjemand musste sich um die Kinder kümmern, aber da war niemand außer Dona Angelika. So entstand Girassol.

2005 11 26 OaseimElend10Bild aus der AufbauzeitWir blättern im Fotoalbum. Schlagartig erkennen wir, was hier geleistet wurde. Anfangs ähneln die Bilder noch dem, was wir „draußen" auf dem Hinweg gesehen haben. Vieles erscheint provisorisch. Doch Angelika aktiviert ihre Kontakte in die „deutsche Kolonie" spricht alle an und bittet um Mithilfe. Es ist ein mühsames Geschäft. Sie „tanzt auf vielen Hochzeiten", hier in Girassol mit den Kindern und ersten brasilianischen Angestellten, dort auf dem Parkett gesellschaftlicher Verpflichtungen. Sie wirbt bei leitenden Angestellten deutscher Niederlassungen, deutschen Firmen, dem deutschen General-Konsul. Sie ist überall präsent. Der Erfolg stellt sich ein, sie erhält Spenden und Sachmittel, immer zu wenig, aber genug, um weiter zu machen. Girassol wächst und damit auch die Arbeit. Was es nicht gibt ist staatliche Hilfe aus Brasilien.

„Ist Girassol dein Lebensmittelpunkt?", frage ich. Angelika lächelt: „Das fragt mein Mann auch immer."

Zwischenzeitlich erreicht die Idee von Girassol auch Deutschland. Vertragsangestellte hatten die Geschichte eines Kinderheimes, das sich allein durch private Spender finanziert, quasi im Reisegepäck. Sie spenden weiterhin und erzählen ihren Freunden und Bekannten von dieser Initiative. Weitere Spenden aus Deutschland kommen nun über „Mund-zu-Mund-Propaganda" hinzu. Doch allein die Geldspenden bringen Girassol nicht weiter. Ohne ehrenamtliche Hilfe in Brasilien und Deutschland würde das ganze System nicht funktionieren.

2005 11 26 OaseimElend11"Familienfoto" mit Ehrenamtlichen und AngestelltenKonzentriert folgen wir der spannenden Geschichte, wollen wissen, wie es weitergegangen ist, wie es gelang, Girassol zu dem zu machen, was es heute ist. Ein zweiter Cafezinho wird angeboten, Angelika erzählt weiter. 1997 – es leben mittlerweile 40 Kinder hier - hat eine Freundin Besuch aus Deutschland, die auch Girassol sehen wollen. Sie sind beide vom „pädagogischen Fach" und tief beeindruckt. Abends sitzt man zusammen, spricht über das Erlebte und Angelika teilt eine große Sorge mit: deutsche Finanzämter erkennen Spendenquittungen aus Brasilien nicht mehr an. - „Da muss man einen deutschen Förderverein gründen," kommt die spontane Reaktion der deutschen Besucher.

1999 sind die Vorbereitungen abgeschlossen und der „Förderverein für das Kinderheim Girassol e.V." wird gegründet. Seitdem gibt es in Hilden im Rheinland eine „deutsche Niederlassung" von Girassol. Mit vereinten Kräften und in enger Zusammenarbeit wird um Spenden für dieses einzigartige Projekt geworben. Hier wie dort.

Fotos/Text: Michael Krambrock für Schleswig-Holsteinische Zeitungsgruppe und Schweriner Volkszeitung

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