„Ich kann dort nicht leben, ohne zu helfen“

Weihnachtsbericht für die Schweriner Volkszeitung: Eine Deutsche hilft in Brasilien

Das Kinderheim am Armengürtel Brasiliens geht auf die Idee und die Arbeit einer Deutschen zurück: Angelika Pohlmann, die mit ihrem Mann in Sao Paulo lebt, hat der Armut und dem Elend die Stirn bieten wollen. Begonnen hat alles mit der Versetzung ihres Mannes. Mit Frau Pohlmann sprach der Chefredakteur der Schweriner Volkszeitung, Thomas Schunck.

Angelika PohlmannAngelika PohlmannFrau Pohlmann, Sie sind Deutsche, Ihnen geht es wirtschaftlich gut - wie kommt jemand mit diesen Eckdaten dazu, sich derart engagiert für Kinder in Sao Paulo einzusetzen, und was war die Grundidee?

Pohlmann: In Sao Paulo, ja, in ganz Brasilien, kann man an Not und Elend nicht vorbeigehen. Wo immer Sie sich bewegen, sehen Sie, dass eine helfende Hand benötigt wird. Ich lebe in Brasilien. Und ich habe vor dem geschilderten Hintergrund gedacht: Ich kann hier nicht leben, wenn ich nicht etwas tue, wenn ich nicht helfe und mich sozial engagiere.

Und warum gerade Hilfe für Kinder?
Pohlmann: Jede Investition in Bildung junger Leute ist eine Investition in die Zukunft. Und hier fehlt es an allen Ecken daran.

Und was hat Sie selbst in diese Ecke der Welt gebracht?
Pohlmann: Das war die Versetzung meines Mannes. Für den Partner ist es in Brasilien schwierig, eine Arbeitsgenehmigung zu bekommen. Sozial engagieren können Sie sich aber in diesem Land - und dazu habe ich mich dann sehr schnell entschlossen.

Wann hat das alles angefangen, über welches Jahr sprechen wir?
Pohlmann: 1977 sind wir nach Sao Paulo gekommen.

Und Sie haben sofort losgelegt, wenn ich das so sagen darf?
Pohlmann: Ja. Zunächst habe ich in Altenheimen gearbeitet, dann für und mit den Straßenkindern.

Wie und wann kam es dann zur Gründung des Kinderheimes Girassol?
Pohlmann: Das hat sich 1992 aus einer Zwangslage heraus ergeben. Die Kinder, die ich schon als Straßenkinder betreut hatte, mussten damals ihre provisorische Unterkunft, ihre Schlafstelle aufgeben. Ich brauchte einen Platz für diese Kinder, wo sie einigermaßen sicher und geborgen leben konnten. Wir haben - unterstützt durch Spender aus Deutschland - ein Grundstück kaufen können. Von diesen Anfängen hat es sich weiter entwickelt: Wir haben immer wieder die Werbetrommel gerührt - und Gott sei Dank gab es Menschen, die uns geholfen haben. Wir haben investiert, gebaut, die Lebensbedingungen verbessert und später auch misshandelte Kinder aufnehmen können.

Mit wie vielen Kindern haben Sie angefangen?
Pohlmann: Am Anfang waren es sieben Kinder, heute betreuen wir hier - direkt am Armengürtel - über 50 Kinder.

Es ist sicher nicht die Triebfeder für Ihr Tun, dennoch die Frage: Freuen Sie sich manchmal über dankbare Kinderaugen?
Pohlmann: Sie haben Recht, dafür tut man es nicht. Aber ich freue mich immer, zu sehen, wie vom Schicksal gebeutelte Kinder wieder wohlgenährte, glückliche, kleine Menschen werden.

Thomas Schunck, Schweriner Volkszeitung

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