Bundespräsident Köhler im Centro „GIRASSOL“

„Ein Zeichen der Hoffnung"

Kinder mit brasilianischen FahnenLimousine des Bundespräsidenten

Es ist kurz nach drei, als die Wagenkolonne in die kleine Rua Ricardo Macedo einbiegt. Schon vor Sunden hatte massive Polizeipräsenz die Anwohner neugierig gemacht auf das, was jetzt gleich passieren würde. Hier draußen in Grajaú am Rand der Millionen-Metropole São Paulo. Primitive Häuser, holprige Straßen, favelas und quirlige Menschen kennzeichnen diesen Außenbezirk. Ein Staatsbesuch des deutschen Präsidenten in Grajaú? Für die Menschen dieses Armenviertels unvorstellbar. Was will der hier?

Bundespräsident Horst Köhler undBundespräsident Köhler seine Gattin Eva Luise wollen dem Kinderheim GIRASSOL einen Besuch abstatten. Im Rahmen ihrer fast zweiwöchigen Südamerikareise sind der Bundespräsident und seine Gattin mit ihrer großen Delegation für zwei Tage auch in São Paulo. Neben Kontakten zu deutsch-brasilianischen Institutionen und Unternehmen ist das Ehepaar Köhler besonders an sozialen Einrichtungen interessiert, gemäß dem Leitthema des gesamten Staatsbesuchs: die soziale Verantwortung der Wirtschaft.

 

von Links Eva Luise Köhler, Horst Köhler, Angelika PohlmannZurück zum Kinderheim GIRASSOL (auf deutsch Sonnenblume). Seit wenigen Wochen weiß Angelika  Pohlmann, die Gründerin und Leiterin der sozialen Initiative, dass der Besuch des deutschen Staatsoberhauptes ansteht. Einerseits ist es eine große Ehre andererseits bereitet es ihr viele Sorgen und manch schlaflose Nacht. Wieso gerade GIRASSOL? Bisher war es Angelika Pohlmann und ihrer „rechten Hand" Roswitha Schirmer eher daran gelegen, nicht zu viel Aufsehen zu erregen. „Was wirklich zählt, ist das, was wir für die Kinder im GIRASSOL tun können", ist Angelikas Devise und „wir möchten in diesem Stadtbezirk nicht den Eindruck vermitteln, wir wären etwas Besonderes." Der deutsche Generalkonsul in São Paulo hält GIRASSOL aber für etwas Besonderes und hat die Visite für das Programm des Präsidenten vorgeschlagen. „Wir sind schon sehr aufgeregt bei den Vorbereitungen. Aber unser Kinderheim ist so sauber und gepflegt, dass wir jederzeit Staatsbesuch empfangen könnten, ohne uns schämen zu müssen. Wir vermitteln unseren Kindern beides: Freiheit und Verantwortung", kommentiert Roswitha Schirmer.

Im Mai 1992 legte Angelika mit einigen engagierten Freiwilligen den Grundstein für das Kinderheim GIRASSOL. "Ein Plastikeimer, drei Stockbetten, einige weitere Utensilien waren unser Startkapital auf einem verwahrlosten Grundstück von 3.500m². Dort zogen wir mit sieben Hilfe suchenden Kindern ein. Heute leben hier über 50." Mit diesen Worten stellt Angelika das Vorzeigeprojekt verhalten vor. Groβe Worte sind ihre Sache nicht.

Bundespräsident Köhler signiert FußbälleKinder führen "capoiera" vor

Die Begeisterung des Ehepaares Köhler ist echt, als sie auf der Treppe zum überdachten Sportplatz von über hundert Fähnchen schwingenden Kindern und Jugendlichen fröhlich begrüsst werden. Dort ist ein kleiner Empfang vorbereitet. Die Nationalhymnen werden von einer CD gespielt. Bei der eigenen singen die Jugendlichen kräftig mit. Von den Seitenrängen der hauseigenen Sportanlage haben sie die offizielle Zeremonie gut im Blick. Als der Bundespräsident sie besonders anspricht und sie auffordert ihre Zukunft mit Hilfe von GIRASSOL aktiv zu gestalten, applaudieren sie lang anhaltend. Einige von ihnen führen für die Gäste „capoiera" vor, eine Mischung aus Tanz und Kampfsport aus der Zeit der Sklavenbefreiung. Zum Rhythmus des „berimbau" klatschen die Jugendlichen auf den Rängen mit. Plötzlich springt der Funke über. Ergriffen von so viel Lebensfreude und Körperkunst klatschen Köhlers mit.

Bundespräsident Köhler zeigt signierten FußballAngelika Pohlmann spricht mit Eva Luise und Horst KöhlerDas Protokoll beginnt zu drängen. Weitere Termine stehen an und das Zeitfenster für GIRASSOL ist schon überschritten. Der Bundespräsident lässt sich nicht beirren. Zeit für einen Rundgang und Gespräche mit den Kindern und Jugendlichen muss da sein. Sein Weg führt ihn zuerst in das Ausbildungszentrum. Hier können Heranwachsende des Kinderheims und auch aus der angrenzenden "favela" Friseurinnen, Schneiderinnen, EDV-Fachleute oder Elektriker werden. Die insgesamt 200 Plätze sind sehr begehrt. Wer sich hier hat ausbilden lassen, findet in der Regel einen Job und hat damit den Grundstein gelegt für ein selbständiges Leben in der Megametropole.

Bundespräsident Köhler mit Kindern von GIRASSOL Angelika Pohlmann, Eva Luis Köhler und Horst Köhler mit Kindern von GIRASSOLDurch den hellen und modern eingerichteten Speiseraum gelangt das Präsidentenpaar in den eigentlichen Bereich des Kinderheims. Beide sind sichtlich gerührt. Sie fühlen sich wie in einer anderen Welt: Überall das Grün der zahlreichen Pflanzen, bunt bemalte Häuser der Wohn-, Schul- und Spielbereiche schimmern durch, Kinder laufen durch das Gelände, nehmen kaum Notiz von den Besuchern. „Das ist ja unglaublich schön," murmelt der Präsident seiner Begleiterin Angelika Pohlmann zu. Als die nunmehr kleine Gruppe Richtung Gemüsegarten steuert, winken die Sicherheitsleute ab. „Das Gelände ist zu offen in Richtung 'favela'." Schade. Die Kinder lernen im Garten den sorgsamen Umgang mit der Natur. Ein wichtiges Ziel in dieser grauen, schmutzigen Stadt, in der Häuser und Produktionsstätten dicht an dicht stehen.

Bundespräsident Köhler mit Kindern von GIRASSOLBevor die „Chefs" des Protokolls endgültig die Nerven verlieren, hat der Bundespräsident ein Einsehen. Eben noch ein kurzes Interview für Sven Kunze von der ARD auf dem Weg zum Ausgang. Hände werden noch einmal geschüttelt. Ein Satz noch zu Angelika Pohlmann: „Ein Bespiel wie dieses gibt Hoffnung."

Herr und Frau Köhler entschwinden wieder in der gepanzerten Limousine mit der Bundesstandarte. Die Kolonne setzt sich wieder in Bewegung vorbei an den Anwohnern, die auf ihren Balkonen und Fenstern ausgeharrt haben und sich das Spektakel nicht entgehen lassen wollten. Die Hundertschaft der schwer bewaffneten Polizei zieht ab, die Straße wird wieder frei gegeben. Zurück im Kinderheim GIRASSOL bleiben die Angestellten, die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer, glücklich aber total erschöpft. Es war mit 33 Grad seit langem der heißeste Tag.


Michael Krambrock aus São Paulo,o9.März 2007

 

 

 

 

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