Gummibärchen sind der Renner

 

Ein Samstagmorgen in São Paulo. Es ist draußen leicht bedeckt und nur mäßig warm. Winter eben, im 800 Meter über dem Meeresspiegel liegenden Säo Paulo. Mir ist klar, dass es nun für viele Wochen mein letzter Samstag in Brasilien sein wird. Es geht in die (Sommer-) Ferien nach Deutschland. Vieles habe ich für meinen baldigen Urlaub und die lange Abwesenheit von São Paulo schon vorbereitet, nur eine wichtige Sache steht noch aus: Ich möchte unbedingt nochmals vor meiner Abreise ins Lar GIRASSOL. Es ist mir ein Bedürfnis, dort nochmals Fotos zu machen, damit sich die Fotoalben der Kinder weiter füllen. Schließlich habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, dafür zu sorgen, dass jedes Kind ein eigenes Fotoalbum erhält, das sich mit jedem meiner Besuche mit weiteren Fotos füllt. So habe ich auch zur Zeit einen großen Packen Fotos hier, die nur darauf warten, an die Kinder vom Heim „Sonnenblume" überbracht zu werden. Bepackt mit meiner Kamera, die ja nie fehlen darf, und begleitet von meinem Mann, der das Kinderheim auch mal wieder besuchen möchte, machen wir uns auf den 40-minütigen Weg. 

Monika Senn mit Kindern in Lar GIRASSOLBereits auf der Anreise gehen mir viele Bilder durch den Kopf und es beschleicht mich ein freudiges Wiedersehensgefühl. Ich muss zugeben, dass ich einige Kinder ganz besonders tief ins Herz geschlossen habe und das Wiedersehen mit diesen herbeifiebere. Gleichzeitig beschleichen mich aber auch ein wenig Furcht und Zweifel, ob ich diese Kinder denn auch noch alle würde antreffen. Schon öfters habe ich es erlebt, dass Kinder plötzlich vom Jugendamt an irgendwelche Verwandten gegeben wurden – und damit einfach für immer aus meinem Gesichtskreis verschwunden waren. Dies ist dann jedes Mal eine traurige Erfahrung, mit der man aber rechnen muss. Insofern versuche ich – selbstschützend -, meine Vorfreude ein wenig zu zügeln.
Drei Jungen mit Büchern in Lar GIRASSOLDoch schon bei unserer Ankunft und der stets überschäumend fröhlichen Reaktion der Kinder auf den Besuch weichen meine Zweifel – und ich lasse mich von der heftigen Wiedersehensfreude der Kinder mitreißen. Über jedes bekannte Gesicht freue ich mich, und einige meiner Lieblinge habe ich auch schon begrüßen können. Mit großer Aufgeregtheit und lauter ausgelassener Kommentierung werden die mitgebrachten Fotoaufnahmen von den Kindern betrachtet. Die Verteilung der Fotos an die Kinder läuft inzwischen fast schon beispielhaft ab, nur hier und da greifen die Heimmütter noch in kleine Verteilungskämpfe ein. Es ist rührend zu sehen, wie die zum Teil noch nicht  ´mal 4 Jahre alten Kinderchen ihr Fotoalbum heranschleppen und bemüht sind, die neuen Fotos darin einzuordnen, und es bestärkt mich auch darin, an diesem Projekt festzuhalten. 

Herr Senn verteilt GummibärchenNach der Foto-Verteil-Aktion gibt es eine weitere Verteil-Aktion: die der Gummibärchen. Seit meine Freundin Angelika Pohlmann, die Gründerin und ehrenamtliche Leiterin des Lar GIRASSOL sowie des angeschlossenen Ausbildungszentrums, mir einmal auf meine Frage, was ich denn den Kindern aus Deutschland mitbringen könnte, „Gummibärchen" nannte, schleppe ich bei jeder Reise zurück nach Brasilien „Goldbären" mit. Besonders eignen sich diejenigen mit den kleinen abgepackten Einheiten. Denn, wie kann es anders sein, nutze ich die Verteilaktion immer gerne, um erzieherische Ziele damit zu verknüpfen: Gerechte Verteilung – jeder bekommt die gleiche Menge an Tütchen – einer nach dem anderen – nicht vordrängeln.... Die Studien und Erlebnisse, die man dabei beobachten kann, sind faszinierend. Kleine Tricksereien sind ebenso an der Tagesordnung wie handfeste körperliche Auseinandersetzungen, wenn man von Übervorteilung eines anderen Kindes ausgeht. 2012 08 Senn04Manchmal geht es auch nicht ohne Tränen ab, die allerdings schnell wieder vergessen sind.
Ich genieße diese Stunden im Kinderheim immer sehr. Auch mein Mann, der sich von einigen Kindern zum Kartenspiel hat hinreißen lassen und sich dem Herumtollen einiger Kinder nicht entziehen konnte, hat die Stunden im Kinderheim genossen.
Beglückt, aber auch etwas erschöpft, treten wir den Heimweg an. – Eines weiß ich gewiss: Auch von meiner nächsten Deutschlandreise bringe ich wieder viele, viele Gummibärchen mit, denn Gummibärchen sind der Renner....

Monika Senn, São Paulo, 20. Juli  2012

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