Zwei Bilder sprechen für sich

3. Adventsbericht für Schleswig Holsteinische Zeitungsgruppe und Schweriner Volkszeitung: Zwei Bilder sprechen für sich

Nicht ohne Grund sind Bilder vor Gericht als Beweis zugelassen. Und „ein Bild sagt mehr als tausend Worte", heißt es im Volksmund. Dieses Mal sind es sogar zwei Bilder.

Jaqueline, März 2002Jaqueline, März 2002      Jaqueline, November 2005Jaqueline, November 2005

Es sind zwei Bilder von Jaqueline und Jaqueline lebt im Kinderheim Girassol.
Als wir Jaqueline das erste Mal sahen, das war im März 2002, lebte sie erst wenige Wochen in Girassol. Wie in einem offenen Buch konnten wir in ihrem Gesicht lesen, was sie bis dahin durchgemacht hatte. Sie war nicht nur vernachlässigt, sondern auch misshandelt worden, bis das Jugendgericht eingriff und die Einweisung in ein Kinderheim verfügte. Andere Kinder kamen auf uns zu, fragten uns, wer wir denn sind, wollten mit uns spielen. Anders Jaqueline. Sie stand abseits, wollte sich verstecken, sprach kein Wort. Ihr Bild von damals ging uns nicht mehr aus dem Kopf. Ihre großen dunklen Augen schienen zu fragen: „ Warum hat man mir das angetan? Warum hat mir keiner geholfen?"

Von Angelika Pohlmann, Gründerin von Girassol erfuhren wir Einzelheiten: eines von fünf Kindern, davon ein Vater bekannt, aber nicht ihr Vater, sondern der eines Bruders. Schwere körperliche und seelische Misshandlungen. Jaqueline muss erst Vertrauen finden, muss erfahren, dass sie hier in Sicherheit ist und sie hier Liebe und Geborgenheit finden kann.

Schon länger war den Verantwortlichen klar, dass für fast alle Kinder, die hier zugewiesen wurden dringend psychologische Betreuung, wenn nicht sogar Therapie notwendig war. Mitte 2002 konnte durch eine größere Spende endlich ein psychologischer Dienst in Girassol eingerichtet werden. Für einige Stunden in der Woche kommen drei Fachkräfte jeweils für einige Stunden in das Kinderheim. Leider reicht die Zeit (oder das Geld) nicht für alle Kinder, die es nötig hätten. In einer kleinen Gruppe entscheiden die pädagogischen Kräfte von Girassol und die Psychologinnen, wer Vorrang hat und zuerst behandelt wird. Bei Jaqueline war die Sache klar. Sie war eine der ersten, die von der Therapie Hilfe erhoffen durfte.

Jetzt im November 2005 sah ich sie wieder. Mitten in einer Gruppe von anderen Kindern, die laut und lachend über das Gelände tobten, Richtung Spielplatz. Als in näher kam, erkannte ich sie wieder. Aber das war nicht mehr das ängstliche, verschüchterte Mädchen von damals. Ich fragte sie, ob ich sie fotografieren dürfte. Sie lachte und stellte sich in Positur. Nein, nein, ganz natürlich solle sie dastehen. Und dann machten wir eine ganze Foto-Session zusammen. „Aber nur unter der Bedingung, dass ich davon auch Bilder bekommen," sagte Jaqueline selbstbewusst. Gerne!

Ab Abend habe ich mir beide Bilder gleichzeitig aufs Laptop geholt. Aber sehen Sie selbst. Was wäre heute mit Jaqueline, wenn sie nicht das Glück gehabt hätte und nach Girassol gekommen wäre?

Fotos/Bericht: Michael Krambrock für: Schleswig-Holsteinische Zeitungsgruppe und Scweriner Volkszeitung

 

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