Start in ein neues Leben

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Die Fußball-Weltmeisterschaft ist vorbei, doch die sozialen Probleme in Brasilien bleiben. Die wahren Helden sind Menschen, die seit vielen Jahren helfen.

Vier Wochen lang hat die Fußball-Weltmeisterschaft neben dem Sport auch die sozialen Probleme Brasiliens in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt.

Nach dem Abpfiff des WM-Finales zog die FIFA-Karawane weiter – das Leid der Kinder ist geblieben. Eine, die sich schon seit 22 Jahren für die Kleinen einsetzt, ist Angelika Pohlmann. 2014 12 Web CP GirassolAngefangen hat alles mit dem Kinderheim „Lar Social Girassol“ - die Sonnenblume -, das die Deutsche 1992 gegründet hat. Auf einem Gelände von rund 5000 Quadratkilometern leben in mehreren kleinen Häusern über 50 Kinder im Alter von wenigen Wochen bis zu 18 Jahren. Sie alle stammen aus sozial benachteiligten Familien aus den Favelas – den Elendsvierteln –, die den Nachwuchs weder ernähren noch ausbilden können. Nicht selten sind die Eltern drogen- oder alkoholabhängig. Im „Girassol“ haben alle ein neues Zuhause gefunden, gehen täglich zur Schule oder nehmen am Förderunterricht teil. Chance auf bessere Zukunft Angelika Pohlmann und ihr Teamkümmern sich auch um die Jugendlichen aus der Umgebung, die im Ausbildungszentrum eine Chance auf eine bessere Zukunft bekommen. 2014 12 Web CP Girassol01Im Girassol finden die Jugendlichen fast schon ein neues Zuhause und sie haben auch die Möglichkeit, einen Beruf zu erlernen.Das Ausbildungszentrum ist vor elf Jahren entstanden. Es bietet Jugendlichenvon14bis 24 Jahren Alphabetisierungskurse und staatlich anerkannte Ausbildungen zum Informatiker, Kaufmann, Schönheitspfleger, Elektriker, Schneider oder Glaser. „An der Berufsausbildung nahmen in diesem Jahr rund 630 Auszubildende teil“, berichtet Angelika Pohlmann. Während sich einige der Jungen als Elektriker versuchen, schneiden die Mädchen anderen die Haare oder sitzen an der Nähmaschine. Zusätzlich gingen die jungen Männer und Frauen in diesem Jahr in Hotels, Restaurants und Krankenhäuser, um sich vor Ort über die Arbeit zu informieren. Dies gebe ihnen Selbstvertrauen für den Start in ein unabhängiges Leben.

2014 12 Web CP Girassol02Viele junge Männer absolvieren eine Ausbildung im Bereich Technik und Elektronik.Im nächsten Jahr steht in der Favela Grajaú eine grundlegende Veränderung an: Zurzeit wird das Kinderheim in eine Kindertagesstätte umgestaltet, deren Eröffnung für das kommende Jahr geplant ist. Der Grund dafür ist die geänderte Gesetzeslage in Brasilien und die damit verbundenen hohen Auflagen. In der neuen Kita werden Kinder ab drei Jahren betreut, während ihre Mütter arbeiten. „Girassol“ liegt in einem der ärmsten und kriminellsten Stadtteile von São Paulo. Dort müssen fast alle Mütter für die Familie Geld verdienen. Oft seien sie auch alleinerziehend und könnten deshalb beruhigt zur Arbeit gehen, wenn sie wissen, dass ihre Schützlinge tagsüber gut betreut werden, erklärt Angelika Pohlmann. Die Mitarbeiter seien froh, dass sie sich auch in Zukunft um ihre Schützlinge kümmern können. Die Tagesstätte werde vielen Kindern helfen, sich in ihrer Familie auf ein eigenständiges Leben vorzubereiten. Bis die Kita eröffnet werden kann, haben die Mitarbeiter von„Girassol“ noch alle Hände voll zu tun. Die Schlafräume sollen zum Beispiel in Gruppenräume umgebaut werden. Doch die Vorfreude ist groß.

Das Abschlusszeugnis in der Hand zu halten ist für viele der jungen Menschen ein besonderes Ereignis.Das Abschlusszeugnis in der Hand zu halten ist für viele der jungen Menschen ein besonderes Ereignis.Die übrigen Schützlinge, die noch bis vor kurzem im Kinderheim betreut wurden, hat der Jugendrichter unter seine Fittiche genommen und eine neue Bleibe für sie gefunden. Die Kleinsten beginnen in Adoptivfamilien ein neues Leben, andere Kinder wurden in ihre eigenen Familien zurückgebracht, so Angelika Pohlmann. Die Jugendlichen leben in einer städtischen Einrichtung in der Nachbarschaft. Sie haben immer noch engen Kontakt zu den Männern und Frauen, den „tios“ und „tias“ von „Girassol“, die sie so lange unterstützen, bis sie „flügge werden“ und ein aufregendes Leben beginnen.

aus  SCHLESWIG-HOLSTEIN JOURNAL von Tina Ludwig

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