Weihnachtsbrief 2020

Liebe GIRASSOL-Freunde,

das Leitmotiv von GIRASSOL in São Paulo lautet „Transformando vidas através de educação“ (Leben durch Bildung zum Besseren wenden). Wenn der Förderverein Rückschau hält auf das zu Ende gehende Jahr, fragen wir uns natürlich, in welchem Maße sind GIRASSOL, unser Trägerverein SBA und wir diesem Auftrag gerecht geworden. Für 2020 müssen wir mit großem Bedauern festhalten, dass der Bildungsvermittlung, gemessen an unseren eigenen Standards, nur unbefriedigend nachgekommen werden konnte. Seit dem 13. März ist GIRASSOL, wie alle Bildungseinrichtungen in São Paulo, wegen der CORONA-Pandemie geschlossen. Alle paar Wochen stellen die Behörden die Wiederaufnahme des Lehrbetriebes unter bestimmten, strengen Bedingungen in Aussicht, um die angekündigten Termine dann wieder zu verwerfen. Das bedeutet für die Leiterin Dona Cleibe und ihr Team eine ungemeine Belastung, für die betroffenen Kinder, Jugendlichen und deren Familien fortwährende Ungewissheit, verbunden mit Stress. So langsam können die „favela“-Bewohner wieder Arbeit finden – die Kinder können jedoch in Kitas und Schulen noch nicht betreut werden. Das heißt, dass die Notlage der einfachen, unzureichend gebildeten Menschen anhält . . .

In Brasilien korreliert das Schuljahr mit dem Kalenderjahr: Mitte Dezember bis Mitte Februar sind Sommerferien. Der aktuelle Plan sieht vor, in 2020 den Präsenzunterricht nicht wieder aufzunehmen und in 2021 den Lehrstoff von zwei Schuljahren zu bewältigen.

In unserem Sommerbrief haben wir die durch CORONA katastrophal verschärfte Situation in Grajaú ausführlich beschrieben. In dem Dreivierteljahr seit der Schließung hat sich bei GIRASSOL dennoch sehr viel ereignet! Sofort war klar, dass es von außerordentlicher Wichtigkeit ist, Kontakt zu Kindern und Jugendlichen via Handy zu halten. So stellte sich ganz schnell heraus, in welch existenzieller Notlage die Familien sich befanden: ohne Arbeit war nicht einmal genug Geld da, Lebensmittel zu kaufen, die Menschen waren vollkommen verzweifelt und orientierungslos. Bereits im April wurden die ersten 100 Lebensmittelpakete à € 20 an die „GIRASSOL-Familien“ übergeben. Seit Mai werden auch die Berufsschüler versorgt – bei ihnen daheim sieht es ja genau so traurig aus. Seit vier Monaten gibt es zusätzlich auch noch „Gas-Gutscheine“. Praktisch überall in Brasilien wird mit Gas gekocht, das in 15-Liter-Behältern verkauft wird.

Es kristallisierte sich ziemlich bald heraus, dass diese Krise lange andauern und die Unterstützung langfristig vonnöten sein würde. Dona Cleibe und ihr Team, die SBA und der Förderverein kamen überein, dass GIRASSOL nicht zum Lebensmittelverteilzentrum werden darf, wo ganz selbstverständlich einmal im Monat alles gratis zur Abholung bereit steht. Und so wurde ein kleiner Katalog von Voraussetzungen entwickelt, die auf Seiten der Empfänger erfüllt werden müssen, um weiterhin „abholungsberechtigt“ zu sein. So müssen die Leute sich ausweisen und ihr Verhältnis zum Kind/Jugendlichen erläutern, dann wird der Erhalt der Pakete auf einer Liste quittiert. Die AHA-Regeln werden gebetsmühlenartig in Erinnerung gerufen und bei der Abholung eingefordert. In der Schneiderei-Lehrwerkstatt genähte Nasen-Mund-Schutzmasken werden den Paketen beigelegt. Periodisch werden die Impfausweise der Kinder kontrolliert, auf aus- bzw. anstehende Impftermine hingewiesen und eine kurze Befragung über die Verhältnisse zuhause durchgeführt. Bei der monatlichen Abholung des Paketes wird den Kita-Kids-Angehörigen eine Mappe mit Arbeitsblättern für den neuen Monat mitgegeben: 5 Blätter/Woche, 1x für morgens, 1x für nachmittags, begleitend zu den „Whats-App-Videokonferenzen“, zweimal täglich mit den Erzieherinnen. Die „bearbeiteten Blätter“ sind bei der nächsten Lebensmittelübergabe abzugeben und gegen neue einzutauschen. Es ist ein neuer virtueller, sehr präzise durchstrukturierter Lehrplan und -rhythmus für die Kleinen von den GIRASSOL-Erzieherinnen erarbeitet worden. Dieses Angebot wird ausnehmend gut angenommen, und es gelingt, zu etwa 95% der Kinder Kontakt zu halten. Die Malutensilien für diese Aufgaben, beispielsweise, stammen aus einer wirklich sehr großzügigen Sachspende von Faber-Castell/Brasil und konnten den Kindern nach Hause mitgegeben werden. Natürlich vermissen die Kinder das Toben auf dem Spielplatz, das angeleitete Spielen, die fünf Mahlzeiten und die Gemeinschaft in der Einrichtung – das lässt sich virtuell nicht ersetzen.

Auch für die Auszubildenden wird angestrebt, den Unterricht fortzuführen. Es ist jedoch ungleich komplizierter. Um eine halbwegs störungsfreie Kommunikation überhaupt möglich zu machen, wurde vor Ort im Kreis der Spender und Unterstützer darum gebeten, GIRASSOL alte, ungenutzte Tablet-Computer und Smartphones für die Jugendlichen zu überlassen. Zwar konnten so alle ausgerüstet werden, aber da wo die Leute wohnen, ist Internet keine verlässliche Selbstverständlichkeit: häufig fällt die Stromversorgung aus, usw. Auch kann natürlich nur Theorie vermittelt werden – praktisches Lernen/Lehren sind derzeit unmöglich. Dennoch hoffen alle sehr, dass für dieses Manko bald eine Lösung gefunden wird. In der Berufsschule erreichen wir etwa 55-60% der jungen Leute: einige kommen mit „dem Virtuellen“ nicht zurecht, und andere konnten irgendwo einen Job ergattern und bringen so als einzige Geld in die Familienkasse.

Als der ‚lock-down“ im März in São Paulo verhängt wurde, waren sich SBA und Förderverein sofort einig, alles daran zu setzen, ohne Entlassungen durch die Krise zu kommen. Viele Millionen Menschen haben deswegen ihr Einkommen verloren – es sollten nicht auch noch die GIRASSOL-Mitarbeiter zu diesem Heer der Hoffnungslosen gezählt werden müssen. Davon abgesehen herrscht ein sehr gutes Arbeitsklima, ein herzlich-solidarisches Miteinander im Team, das unter wirklich schwierigen Alltagsbedingungen in Grajaú arbeitet. Und das gemeinsame Meistern der Krise – ALLE packen an, wo es gerade nötig ist, sei es bei den Lebensmittelaktionen, bei organisatorischen Herausforderungen oder konkreten Hilfestellungen bei Kindern und Schülern – schweißt alle zusammen. Dona Vera, seit 20 Jahren Köchin in GIRASSOL hat es sich nicht nehmen lassen, ihren Kindern Muffins, Schinken-Käse-Schnecken und „doces“ (typische, traditionelle brasilianische Süßigkeiten), zuzubereiten, einzeln abzupacken und in bunten Papiertüten zu verstauen. Die Tüten waren eigens von den Erzieherinnen geklebt worden, verziert und mit dem Namen der Kinder beschriftet aus Anlass des 12. Oktobers, in Brasilien „Tag des Kindes“, vergleichbar mit St. Martins Tag im Rheinland. Am 12.10. werden Kinder verwöhnt – dieses Jahr wurde eben alles mit der Lebensmittelübergabe zusammengelegt; eine Eigeninitiative der Mitarbeiterinnen  !

Für die Knirpse der Kita findet alljährlich eine Weihnachtsfeier mit allem Drum und Dran in GIRASSOL statt. 2020 wird auch das nicht möglich sein. Die Erzieherinnen haben überlegt, was man trotzdem machen könnte: in der Vorweihnachtszeit wird sich im Lebensmittelpaket ein Extratütchen finden, in dem sich die Zutaten für einen bestimmten Weihnachtskuchen befinden. Die Arbeitsblätter werden die Anleitungen zum Backen des Kuchens, und für seine Dekoration enthalten, sowie Material und Anleitung für eine weihnachtliche Bastelarbeit. Alles ist so konzipiert, dass die Tätigkeiten über mehrere Tage verteilt sein werden und Geschwisterkinder beteiligt werden können. Als krönender Abschluss wird es eine „Videokonferenz“ aller Erzieherinnen und Kita-Kinder geben, um eine virtuelle Weihnachtsfeier gemeinsam zu erleben, bei der auch der Kuchen angeschnitten werden wird.

Das COVID-19-Virus wütet in Brasilien besonders zerstörerisch. 13 unserer Kinder haben sich bisher infiziert, ein Lehrer und 15 Berufsschüler: drei von ihnen mussten in stationäre Behandlung, das Leben eines dieser Mädchen hing über Wochen am seidenen Faden – inzwischen ist es wieder vollends gesund. Die Maßnahmen das Virus halbwegs zu beherrschen, hindern GIRASSOL daran, seinem wichtigsten Auftrag komplett gerecht zu werden. Aber wir begreifen uns ja mittlerweile auch als Sozialzentrum – und diese Aufgabe bewältigt die Einrichtung derzeit vorbildlich! Hunderten von Menschen ist GIRASSOL in 2020 nicht nur Leuchtturm sondern wahrhaft ein Hafen geworden. Unsere Sozialarbeiterin und unsere Psychologin können Unzähligen Halt und Orientierung bieten; Verzweifelte schöpfen durch unser Tun wieder Hoffnung; die Tage der Kinder und Schüler haben durch den virtuellen Unterricht eine Sinn gebende Struktur. Es ist eine sehr enge Bindung zwischen all‘ diesen Menschen entstanden, von nachhaltigem Wert.

Aber bei GIRASSOL kann nur geleistet werden, was geleistet wird, weil es in Brasilien und auf unserer Seite des Atlantiks so viele Menschen gibt, die bereit sind, uns durch Sach- und/oder Geldspenden zu unterstützen. WÜRDE sollte nicht nur als Konjunktiv verwendet werden. Durch Ihre Spende ist GIRASSOL überhaupt in der Lage, zu helfen, so vielen Familien Halt zu geben, verzweifelten Menschen die Würde zu erhalten und ihnen das Licht der Hoffnung immer aufs Neue zu entzünden.

Wir bedanken uns bei Ihnen allen da draußen, die Sie auf unseren Apell im Frühsommer so großartig reagiert haben und in Grajaú wirklich einen Unterschied zum Positiven für „unsere GIRASSOL-Familien“ herbeiführen konnten. Die Bildung ist heuer etwas zu kurz gekommen, aber Sie haben dazu beigetragen, den Menschen ihre unantastbare Würde zu bewahren, indem sie bei GIRASSOL Beistand in großer Not erfuhren.

Die Anforderungen an GIRASSOL werden 2021 nicht geringer sein, notleidende Familien noch weiterhin unsere Extra-Unterstützung brauchen – und der Lehrbetrieb soll/kann – hoffentlich! – endlich wieder aufgenommen werden. Daher bitten wir Sie sehr, uns durch Ihre Spenden zu dieser überaus wichtigen Arbeit auch zukünftig zu befähigen.

Es ist nicht leicht in dieser Zeit eine positive Grundstimmung zu behalten. Zwar sieht die Welt nach wie vor Monaten der Ungewissheit entgegen. Dennoch können wir gemeinsam die Augen hunderter Kinder auch an Weihnachten 2020 zum Leuchten bringen!

Bleiben Sie gesund und kommen Sie gut durch diese schwierigen Zeiten!

Mit nochmaligem tief empfunden Dank senden wir Ihnen weihnachtliche Grüße!

Ihre

Andreas Krebs und Dr. Thomas Schmidt

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Aussergewöhnliche Jahreshauptversammlung

2020: Corona diktiert die Regeln

Der Lockdown im Frühjahr zwang uns, die diesjährige Hauptversammlung zu verschieben. Mit halbjähriger Verspätung fand vor Kurzem nun endlich unsere Jahreshauptversammlung in den Räumlichkeiten der freien evangelischen Gemeinde in Langenfeld statt. Hier begrüßte Dr. Klaus Kirsch in Vertretung der Hausherren die Anwesenden und erläuterte die einzuhaltenden AHA-Regeln. Andreas Krebs hieß die trotz der widrigen Umstände zahlreich erschienenen GIRASSOL-Unterstützer ebenfalls willkommen und führte durch die interessante Versammlung. Neben den alljährlichen formalen Themen der Tagesordnung standen außerdem die Vorstandswahl, die Wahl der Kassenprüfer und die Abstimmung über die Satzungsänderung an. Wie immer stellte der Bericht von 2019 mit vielen Fotos aus und über GIRASSOL den Höhepunkt der Sitzung dar. Der Abend klang beim Verzehr kleiner brasilianischer Köstlichkeiten (privat vom Vorstand gesponsert) und angeregter Unterhaltungen aus. Wer Interesse an Details an, dem sei die Lektüre des Sitzungsprotokolls empfohlen.

 MV 2020 01

MV 2020 02

MV 2020 03

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GIRASSOL bekannter machen

Zwei Publikationen von Spendern

Wie schon mehrmals dargelegt, sieht der Vorstand des Fördervereins Girassol e.V. eine seiner Aufgaben darin, GIRASSOL bekannter zu machen, um den Kreis der Förderer unserer Einrichtung zu erweitern. Voller Freude erfuhren wir nun, dass zwei unserer Großspender in/auf ihren eigenen Plattformen und Magazinen über GIRASSOL berichten 😊.

Gerade erschien der Jahresbericht 2019 von Sternstunden e.V. Dieser enthält einen Bericht über die wiederholte Unterstützung des Vereins, wodurch die Renovierung der Elektro- under Schneidereilehrwerkstatt und die Einrichtung der neuen Bäckereilehrwerkstatt in Grajaú möglich wurden.

Sternstunden Seite 1

Sternstunden Seite 2 Sternstunden Seite 3

Die Firma Healthcare Convention aus Garmisch-Partenkirchen, die uns schon seit Jahren großzügig unterstützt und uns nun auch für die Aktion „Cesta básica“ zur Seite steht, berichtet auf ihrer Homepage von ihrem Engagement gegen den Hunger bei den GIRASSO-Familien.

Healthcare Convention HP

Und so erfährt wieder ein weiterer Kreis von Menschen von der Arbeit bei GIRASSOL, aus dem vielleicht wieder neue Spender hervorgehen.

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ZoomMeeting

Pandemie erzwingt verändertes Handeln

CORONA macht es uns derzeit unmöglich, selbst nach Brasilien zu reisen, um uns vor Ort zu informieren, auszutauschen und anliegende und zukünftige Projekte zu besprechen . . . So griffen auch wir beim Förderverein erstmals zu den angesagten Kommunikationsmitteln in Panademiezeiten und trafen uns kürzlich virtuell mit den Herren Julio Kampff (neuer Vorstandsvorsitzender unseres lokalen Trägervereins SBA) und Thomas Polisaitis (Geschäftsführer der SBA) zum Zoomcall. Thema waren die fortlaufende Verteilung und Finanzierung der Lebensmittelpakete an die Familien der GIRASSOL-Kinder und -Berufsschüler; wie der virtuelle Unterricht funktioniert/angenommen wird und wie, voraussichtlich im September, die Wiederaufnahme des Betriebes (wahrscheinlich mit anfangs nur 35% der Kinder und Jugendlichen) aussehen könnte. Innerhalb des Kreises unserer Belegschaft, den Kids und Azubis waren 11 bestätigte COVID-19-Infektionen zu verzeichnen, von denen 3 stationär behandelt werden mussten, die aber mittlerweile auf dem Weg sind, gesund zu werden. 2020 ist auf der ganzen Welt eine wahrhafte Herausforderung. Aber mit vereinten Kräften, umsichtig-vorausschauendem Handeln und Dank Ihrer aller Unterstützung kommen wir bisher ganz gut durch diese Krise. Noch ist es uns möglich alle Gehälter zu bezahlen und niemanden zu entlassen, „unseren“ Familien die Angst vor Hunger zu nehmen und in ständiger Verbindung mit unseren Kindern, Auszubildenden und deren Familien zu sein.

Zoom Meeting

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Sommerbrief 2020

Liebe GIRASSOL-Freunde,

es fällt nicht leicht, einen Anfang für den GIRASSOL-Sommerbrief 2020 zu finden. Das neue Schuljahr hatte ganz normal begonnen: Kinder, Auszubildende, Lehrkräfte und die übrigen Mitarbeiter hatten sich aufeinander eingespielt. Lehren und Lernen wurden begleitet vom üblichen „Schullärm“, der sonnigen Wärme des Spätsommers und dem Geklapper und den Düften aus der Küche. GIRASSOL vibrierte in der hoffnungsfrohen Erwartung an das Schuljahr 2020!

Nach Karneval begann sich jedoch auch in Brasilien der Ernst der Corona-Lage abzuzeichnen. Schon in den ersten Märztagen veranlasste unser örtlicher Trägerverein, die SBA, für das von ihr betriebene große Altersheim sehr strenge Maßnahmen zum Schutz der Bewohner: allerhöchste Hygienestandards, Besuchsverbot, maximale Begrenzung der Außenkontakte (zu Lieferanten, Dienstleistern, usw.). Bereits in der zweiten Märzwoche hielt der Pflegeleiter des SBA-Altersheimes bei GIRASSOL eine ganztägige Schulung zum Umgang mit COVID-19 ab, gerichtet an alle Mitarbeiter, Schüler, Kita-Kids und ihre Angehörigen (wir berichteten darüber auf unserer Homepage und auf Facebook). Dann hat das dramatische Tempo der vom Bundesstaat São Paulo ausgegebenen Verordnungen alle hoffnungsfrohen Erwartungen, alle Planungen überrollt – seit dem 19. März sind alle Bildungseinrichtungen geschlossen, alle Geschäfte (außer Supermärkten, Apotheken und Tankstellen), alle Restaurants, Kinos, Theater, Behörden. Wo immer möglich, ist im Homeoffice zu arbeiten, die Menschen sollen zuhause bleiben, zu anderen Abstand halten: allen ist der englische Ausdruck „shut down“ für diese Situation mittlerweile geläufig. Und natürlich soll die Bevölkerung sich häufig die Hände waschen, überhaupt für Sauberkeit sorgen und Nasen-Mund-Schutzmasken tragen außerhalb des eigenen Heims. Soweit so richtig – wie bei uns, möchte man denken.

Dass überhaupt solche Maßnahmen ergriffen wurden, liegt daran, dass die Gouverneure der einzelnen Bundesstaaten seit Wochen die Verantwortung übernommen haben und versuchen, die Verhaltensregeln der WHO umzusetzen.

Das öffentliche Gesundheitssystem ist chronisch unterfinanziert, geprägt von Missmanagement, katastrophal ausgestattet und demzufolge über die Maßen ineffizient. Entwickelt ein „favela“-Bewohner also Corona-Symptome, wird ihm wahrscheinlich das Geld fehlen, um zum Arzt/Krankenhaus zu fahren. Kommt er aber doch bei einer Klinik an, wird er möglicherweise Tage darauf warten, untersucht zu werden, um dann zu erfahren, dass für ihn kein freies Bett oder gar ein Platz in einer Intensivstation zur Verfügung steht. Er wird höchstwahrscheinlich, mit ein paar Fieber senkenden Tabletten versehen, nach Hause geschickt werden, mit der Empfehlung, in drei Tagen sich erneut vorzustellen ... Es ist nicht sicher, dass der Patient all‘ die Unannehmlichkeiten ein weiteres Mal auf sich nehmen wird. Wahrscheinlicher ist, er wird ohne ärztliche Versorgung gesund oder er verstirbt daheim ohne Diagnose, die Dunkelziffer der Todesfälle erhöhend, andere infizierend.

Und bedenken Sie bitte die Lebensrealität des GIRASSOL-Umfeldes! Unsere Kinder und Jugendlichen mit ihren Familien leben unter für Mitteleuropäer schwer vorstellbaren Bedingungen: ihr Häuschen ist manchmal nicht mehr als eine Hütte, hat nur selten mehr als zwei Räume, die sich mitunter sechs, acht und mehr Personen teilen müssen. Sanitäreinrichtungen wie wir sie kennen? Nicht vorhanden, häufig muss das Wasser in Eimern von einem Gemeinschaftswasserhahn mehrere hundert Meter nach Hause geschafft werden … Die Abwässer suchen sich nicht kanalisiert ihren Weg – so viel zu Hygiene und verstärkter Sauberkeit. Außerdem liegen die Häuser direkt beieinander, Wand an Wand; Türen und Fenster schließen schlecht; die Dächer bestehen aus Wellblech- oder Kunststoffplatten. Das bedeutet extreme Hitze im Sommer und große Kälte im Winter und gelegentlich regnet es auch rein. Darum, und um der Enge zu entkommen, halten sich die Menschen vornehmlich draußen auf – wobei diese Armensiedlungen, in denen oftmals mehrere `zigtausend Menschen leben, von eher schmalen Straßen durchzogen werden, oft sind es nur Gässchen und Wege. Zu anderen Abstand zu halten, funktioniert also nicht wirklich.

Schlimmer noch: „favela“-Bewohner sind eher selten in einem regulären Arbeitsverhältnis beschäftigt. So sie denn Arbeit haben, handelt es sich oft um Tagelöhner/Gelegenheitsjobs oder sie versuchen, sich als Selbstständige irgendwie über Wasser zu halten, indem sie mit einem Bauchladen umherziehen, beispielsweise. Kurzarbeitergeld ist in Brasilien genauso unbekannt wie staatliche Unterstützung für Selbständige. Sie merken es schon: der „shut down“ hat so gut wie all‘ diesen Leuten das Einkommen genommen. Kein Geld heißt dann sofort auch: kein Essen auf dem Tisch – denn Rücklagen haben diese Menschen genauso wenig wie Platz für einen kleinen Gemüsegarten oder ein paar Hühner auf dem Hof...

Es sind diese widrigen Gegebenheiten und Lebenswirklichkeiten, die die Arbeit von GIRASSOL in Grajaú so wichtig und wertvoll machen. Die Einrichtung ist ein Leuchtturm, der Perspektiven auf einen Weg aus dieser Armut bietet. Und mit der Schließung von GIRASSOL fehlt jetzt nicht nur die Ausbildung der Jugendlichen, sondern auch die Betreuung und die ganztägige Verköstigung der Kinder.

Mit dieser etwas ausführlicheren Schilderung der Lebensumstände unserer GIRASSOL-Schützlinge, wollen wir Sie ein wenig sensibilisieren für die großen Sorgen, die uns vom Förderverein, sowie die SBA, als auch die Leitung von GIRASSOL umtreiben. Es weiß in São Paulo keiner, wann und unter welchen Voraussetzungen der Betrieb in Schulen und Kitas wieder möglich sein wird. Derzeit wird davon ausgegangen, dass GIRASSOL erst im August/September wieder in einen noch zu definierenden Regelbetrieb treten kann. Bis dahin konzentrieren wir uns auf zweierlei: Kontakt halten zu den Kindern und Jugendlichen mit ihren Familien und versuchen, den Hunger zu lindern.

Seit Mitte April versuchen die Lehrer den Auszubildenden via Mobiltelefon so etwas wie Unterricht anzubieten; einfache Handys besitzen die Jugendlichen fast alle, PCs natürlich nicht. Es ist allen Verantwortlichen bewusst, dass diese Maßnahmen viel mehr dazu dienen, den Kontakt zu halten, als der Wissensvermehrung. Aber so haben wir von den erdrückenden Ängsten in den Familien direkt gehört; viele wissen nicht mehr, wie sie ihre Lebensmittel bezahlen sollen.

Zu den Knirpsen halten die Erzieherinnen über die Handys der Mütter die Verbindung aufrecht. Die Kleinen bekommen „Aufgaben“ gestellt: die Familie mit Schutzmasken malen, das Mittagessen, eine Blume für Mama zum Muttertag, usw. Und so wissen wir, auch bei diesen Familien herrscht blanke Not, zumal die Kinder bei GIRASSOL ja sonst den Tag über voll verköstigt werden ... Selbst wenn die Mütter noch Arbeit haben, sind sie durch die unbetreuten Kinder in vielen Fällen daran gehindert, dieser nachzugehen.

Das GIRASSOL-Team vor Ort leistet Großartiges, den Kontakt nicht abreißen zu lassen, sich die Sorgen der Familien anzuhören. Es ist schlimm genug, nur materiell helfen zu können, aber das wenigstens möchten wir tun, solange es nötig bleibt – keiner von GIRASSOL soll hungern müssen!!

Ermöglicht durch eine lokale Spende, fand Ende April die erste „cesta-básica“ (Grundnahrungsmittelkorb) – Aktion statt: SBA GIRASSOL hat für die Kita-Familien ein umfangreiches Lebensmittelpaket zusammengestellt, das im Speisesaal unter den derzeitigen Vorsichtsmaßnahmen ausgehändigt wurde. Das komplette Sortiment (Reis, Bohnen, Nudeln, Öl, Salz, Konserven, Zucker, H-Milch, Seife, Zahnpasta, usw., usw.) wurde in Supermärkten der Umgebung von GIRASSOL gekauft, um somit auch dem Handel in dieser ärmlichen Gegend zu helfen.

Das Werben um Geld- und Sachspenden vor Ort für das gleiche Unterfangen im Mai ist in vollem Gange, aber unsere zusätzliche Mithilfe aus Europa ist dringend erforderlich. Ab diesem Monat sollen auch die Auszubildenden diese Hilfe erhalten, zumal die Jugendlichen häufig neben Schule und Ausbildung auch noch arbeiten, um das Budget ihrer Familien aufzubessern – Arbeit, die die meisten nun nicht mehr haben.

Es sollen jeden Monat 350 Pakete à € 20 gepackt werden. Wir möchten diese Unterstützung bis September aufrechterhalten, davon ausgehend, dass dann viele wieder ein Einkommen haben werden. Das bedeutet, wir brauchen ca. € 28.000, um zu verhindern, dass die Familien unserer GIRASSOL-Schützlinge Hunger leiden müssen.

MaskenEs gibt aber auch Licht in diesen dunklen Zeiten! Ein klein wenig stolz und sehr zufrieden möchten wir von dem wertvollen Beitrag berichten, den der Schneiderei-Kurs zu den unerlässlichen Hygienemaßnahmen im SBA-Altersheim seit nunmehr zwei Wochen leistet. Wie überall auf der Welt mangelt es auch in Brasilien an Pflege-Grundausrüstung und Material. Der Preis für Nasen-Mund-Schutzmasken hat sich beinahe verhundertfacht - so man überhaupt welche ergattern kann. Es grenzt an ein Wunder, dass es der SBA-Leitung gelungen ist, große Mengen des Gewebes zu erwerben, aus dem diese Masken bestehen. Dazu konnten viele, viele Meter der Verschlussbänder aufgetrieben werden. Der GIRASSOL-Leitung gelang es, aufgrund der Systemrelevanz eine Sondergenehmigung für den Betrieb der Schneiderwerkstatt zu erwirken. Nun nähen Freiwillige aus den Reihen der Kursteilnehmer in wechselnder Besetzung unter Einhaltung aller Vorschriften (Mindestabstand, Nasen-Mund-Schutz, Handdesinfektion, usw.) täglich Hunderte Einwegmasken für das Pflegepersonal des SBA-Altersheims, für die „cestas básicas“ und für die GIRASSOL Belegschaft, wenn da wieder gestartet werden darf. Die Schneiderei-Azubis gewinnen im Eiltempo Erfahrung im „Industrienähen“ und empfinden, wie sie selbst versichern, großen Stolz und fühlen sich geehrt, für diese Aufgabe geeignet zu sein. Wie wertvoll ist es, in dieser verunsichernden Zeit, Menschen den Genuss von Erfolgserlebnissen zu bescheren!

Wir in Europa spüren alle – jeder auf seine Weise – die Unannehmlichkeiten (und müssen damit umgehen), die dieses noch unerforschte Virus uns bereitet. Was den Menschen anderorts durch COVID-19 abverlangt wird, können wir uns kaum vorstellen. Aber wir alle aus der großen GIRASSOL-Familie können wirklich und wirkungsvoll helfen, die Not einiger Hundert Menschen ganz konkret zu lindern. Und das bedeutet: wir können große Sorgen kleiner machen und damit können wir Hoffnung schenken!

Bitte tragen Sie dazu bei, dass Hunger die Menschen nicht zusätzlich schwächt und damit noch leichter zur Beute der Pandemie werden lässt! Es bricht uns fast das Herz, diesen verfrühten Sommerbrief mit so traurigen Fakten zu befrachten und um zusätzliche Spenden zu bitten, um einer so bitteren Wahrheit entgegen zu treten: den leeren Tellern! Niemand weiß, was die Zukunft bringen mag. Aber wir sind sicher, dass wir zurückkehren werden auf den Weg zur Bildung, die aus der Armut führt! Im Moment geht es aber tatsächlich um Existentielles und wir bitten Sie sehr, die Menschen von GIRASSOL wieder mit Ihrer helfenden Großzügigkeit zu bedenken.

Nur gemeinsam sind wir stark, nur gemeinsam wird die Menschheit diese Krise wirklich meistern können.

In diesem Sinne möchten wir uns verabschieden und für Ihre Unterstützung danken!

Ihre

Andreas Krebs und Dr. Thomas Schmidt

 

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